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     Teil 5: Chile, Festland     MESZ - 5 Stunden, 1 EUR = 1.100 Pesos

Montag, 31. August 26, Tag 15: San Pedro de Atacama

Gottseidank geht es Sabine besser. Im Zimmer ist es saukalt, die haben irgendwann in der Nacht die Heizung abgeschaltet. Der Speisesaal ist auch ungeheizt, Frühstück im Anorak. Draußen hat es minus sieben Grad. Vorgestern hat Alfredo in einem Nebensatz erwähnt, dass es eine Änderung in unserem Reiseplan gibt. Erst auf Nachfrage hat er uns gesagt, dass der Nationalpark in der südwestlichen Ecke Boliviens, dessen Durchquerung für heute geplant war, nach starken Schneefällen gesperrt sei und wir stattdessen ein Stück zurückfahren und einen anderen Grenzübergang nach Chile nehmen müssten. Die Fahrt durch die Sioli-Wüste mit Geysiren, Thermalquellen und Dampfsäulen und die Dali- Wüste mit der türkis schimmernden Laguna Verde fallen aus. Weder vom deutschen Reisebüro noch von der bolivianischen Reiseagentur kam eine Information. Wir können uns schlecht vorstellen, dass 100 Kilometer weiter Straßen auf 5.000 Metern wegen Schnee gesperrt sind, wo doch hier die Sechstausender ringsum nur angezuckert sind. Im Internet erfährt man mehr: Der Nationalpark und der dortige Grenzübergang waren wegen heftigem Schneefall geschlossen, sind aber seit vorgestern wieder geöffnet. Ich telefoniere mit der bolivianischen Reiseagentur und erfahre, dass es zwar richtig sei, dass man wieder in den Nationalpark fahren dürfe, man aber nicht könne. Es gibt in dem abgelegenen Gebiet keine Schneeräumung und Winterreifen sind hier unbekannt. Also heute wieder eine Stunde zurück und dann zum Grenzübergang Ollagüe. Auf bolivianischer Seite stehen wir über eine halbe Stunde im Freien im eisigen Wind. Dann Stempel in den Pass, fertig. Im Niemandsland wartet schon unser chilenischer Fahrer Ernesto auf uns und wir verabschieden uns von Alfredo. Im Gegensatz zu ihm kann Ernesto kein Englisch. Aber dafür kann er andere Sachen: Er lässt uns im Auto in eine Liste unsere Namen, Nationalität und Reisepassnummern eintragen, fährt bis zur chilenischen Grenzstation, bedeutet uns, im Auto zu warten und verschwindet kurz. Dann bringt er uns in das Gebäude, wo eine lange Schlange Reisender vor einem Schalter wartet. Aber wir müssen uns nicht hinten anstellen, sondern für uns wird kurzzeitig ein zweiter Schalter geöffnet. Nun noch zum Zoll. Wieder lange Schlange im Freien, man muss sein Gepäck durchleuchten lassen. Ernesto verschwindet kurz, anscheinend hat er auch beim Zoll einen Amigo, kommt zurück, lässt uns einsteigen und wir sind fertig. Es geht nun, seit langem wieder auf Asphalt, durch bergige Wüstenlandschaft, vorbei an Vulkanen, hinunter in die Atacama-Wüste, die hier stark zerschunden ist. Überall wird gebaggert und gegraben. Es gibt sehr viele Windräder. In einem kleinen Dorf halten wir zum Mittagessen, doch das Restaurant, das Ernesto kennt, ist geschlossen. Anscheinend kennt er kein weiteres und er ist froh, dass ich ihm auf Google Maps zeige, wo weitere sind. Am Nachmittag kommen wir in die Oase San Pedro de Atacama und beziehen ein Zimmer in einem netten Hotel am Ortsrand. Wir machen gleich einen Spaziergang ins Zentrum, das nur aus einem baumbestandenen Hauptplatz, einer Montags geschlossenen Kirche und ein paar Gassen mit ein paar Restaurants und vielen Souvenirläden besteht. In Restaurants gibt es Alkohol nur, wenn man auch was isst. Wir schlafen heute auf verträglichen 2.400 Metern. 

Dienstag, 1. September 26, Tag 16: Santiago de Chile

Zu Mittag fliegen wir von Calama nach Santiago de Chile. Erfreulicherweise haben wir wieder Plätze in der Premium Economy und kriegen ein Mittagessen. Zuerst haben wir Wüste unter uns, dann braune Faltenberge, dahinter die schneebedeckten Anden. Erst kurz vor dem Ziel wird es ein wenig grün. Obwohl auf nur 500 Metern Seehöhe, kriegen wir in Santiago noch immer schlecht Luft. Die Stadt ist farblos, düster und gewinnt auf den ersten Blick unsere Sympathie nicht. Vielleicht korrigiert die morgige Stadtbesichtigung diesen ersten Eindruck ja noch. In unserem Hotel befindet sich der angeblich erste Fahrstuhl Chiles. Er funktioniert noch, aber Liftboy gibt es keinen mehr. Wir spazieren durch die nahegelegene Gastronomiemeile. Hübsche Postjugendstil-(glaube ich)-Häuser wechseln mit hässlichen Plattenbauten und vereinzelten Villen. Eine interessante Mischung von Menschen läuft hier herum: wenige offensichtliche Touristen, dafür in die Jahre gekommene Hippies, ein paar Obdachlose und nicht wenige Zugedröhnte. Und dann gibt es da noch eine schräge Szene mit auffallend vielen jungen bis mittelalterlichen Tätowierten, Gepiercten, Mädeln mit teils bis ins Dekolleté aufgetragenem weißen Make-up, Gothic People, Transsexuellen und vielen anderen, für deren Beschreibung mir einfach die Worte fehlen. Die Leute tragen kaum bunte Kleidung, fast nur schwarz-weiß-grau. Viele Security-Leute mit schusssicheren Westen, Helmen und Gummiknüppeln stehen herum. Trotz netter Lokale irgendwie keine Gegend zum Wohlfühlen. Das Preisniveau in den Lokalen ist respektabel, damit meine ich: deutlich über dem in Österreich. Es gibt aber auch Positives zu berichten: Im Gegensatz zu Peru und Bolivien, wo einen jeder Autofahrer auf dem Zebrastreifen überfahren würde, wenn man ihn ließe, halten hier alle brav an, wenn man über die Straße will. 

Mittwoch, 2. September 26, Tag 17: Santiago de Chile

Heute steht eine Stadbesichtigung auf dem Programm. Santiago hat wenig an Sehenswürdigkeiten zu bieten und auch unser Fremdenführer ist echt schwach und weiß nicht viel zu erzählen. Hier ist die erste Fußgängerzone von Santiago. Hier ist die zweite Fußgängerzone von Santiago. Das ist eine U-Bahn-Station. Und so weiter. Die Kathedrale, bei der wir unsere Besichtigung beginnen, ist noch zu, eine Stunde später wäre sie geöffnet. Es gibt etliche neoklassizistische Regierungsgebäude, wir wohnen der Wachablöse vor dem Präsidentenpalast bei. Immerhin erfahren wir, was Kaffee mit Beinen ist: Im Stadtzentrum sind die Mieten so hoch, dass die gemütlichen Kaffeehäuser verschwunden sind und es nur noch Stehcafes gibt. Die Gäste stehen an Theken und bekommen ihren Kaffee von jungen Frauen mit kurzen bis extrem kurzen, engen Röcken serviert, die auf der anderen Seite der Theke, aber eine Stufe höher, arbeiten. Die Gäste bekommen also zum Kaffee einen guten Blick auf Frauenbeine mit dazu. Auf den mitten in der Stadt gelegenen Aussichtsberg Cerro Metropolitano führen eine moderne Seilbahn und eine hundert Jahre alte Standseilbahn. Weil erstere wegen Wartung die ganze Woche geschlossen ist (auch etwas, was ein Fremdenführer vielleicht wissen könnte), müssen wir rauf und runter mit der Standseilbahn fahren. Der Ausblick von oben ist großartig. Obwohl wir wissen, dass Santiago sieben Millionen Einwohner hat, sind wir von der Menge der Hochhäuser überrascht. Auf der Spitze des Aussichtsberges steht eine 22 Meter hohe Marienstatue, in deren Sockel sich ein Portal befindet, durch das Leute ein- und austreten. Ich frage unseren Stadtführer, was da drin ist und der sagt doch echt: Ich weiß nicht, ich war noch nie da. Ein paar Minuten später weiß er es, denn ich habe nachgesehen: eine Marienkapelle. Am Abend machen wir uns auf in ein anderes in Gehweite gelegenes Ausgehviertel. Wir kommen aber gar nicht so richtig dort hin, weil wir schon zuvor in einem riesigen hippen Studentenlokal landen, das ob seiner echt niedrigen Preise gut besucht ist. Mit Sicherheit sind wir hier die ältesten Gäste. Weil es so gemütlich ist, bleiben wir auch zum Essen hier. Großen Hunger haben wir nicht, denn das zähe Rindersteak von Mittag ist noch nicht vollständig abgebaut. Drum bestellen wir nur eine Kleinigkeit gemeinsam. Wir entscheiden uns für einen Completo, das ist eine Art Hotdog. Davon gibt es drei Varianten: italiano (mit Tomate, Avocado und Mayonnaise), dinamico (mit Tomate, Avocado und Sauerkraut) und completo (mit Tomate, Sauerkraut und Mayonnaise), alle mit Würstchen natürlich. Weil wir Avocado nicht mögen, bestellen wir einen Completo completo und Leute, ich sage euch: fantastico!

 

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