Indien, Teil 6: Chhabariya
Samstag, 1. März 25, Tag 12: Chhabariya
Mit Raj haben wir echtes Glück, denn er ist ein guter und sicherer Fahrer und ist stets freundlich und zuvorkommend. Er verdient unseren größten Respekt. Unterwegs nach Chhabariya gibts öfter wieder keinen Handyempfang und Raj ist unsicher, wenn er an Kreuzungen kommt. Obwohl wir ja gar kein mobiles Internet haben, kann ich ihm leicht helfen mit der Navigation, da ich die Offline-Karten von Indien runtergeladen habe. Raj versteht nicht, warum ich navigieren kann und er nicht und schaut mich jedesmal ehrfürchtig an wie einen Guru. Als wir kurz vor zwölf eine Stadt durchfahren, sage ich Raj, dass wir in der nächsten halben Stunde zu Mittag essen möchten und er an einem Restaurant halten soll. Er fährt aber noch aus der Stadt raus und als wir in die nächste Stadt kommen, ist eine Dreiviertelstunde vergangen und mir knurrt der Magen. Er schaut zwar immer nach links und rechts, hält aber nicht an. Nun ist auch hier das Ende der Stadt erreicht und ich frage ihn, ob er denn unseren Wunsch vergessen hat. Hat er nicht, er hat aber nichts gesehen, was unseren vermeintlichen Ansprüchen gerecht wird. Ich sage, er soll umkehren, da wurde doch mehrfach an der Straße gekocht. Er fragt an einer Tankstelle nach einem Restaurant und meint dann, in nur 15 Kilometern gäbe es etwas Nettes. 15 Kilometer sind aber eine halbe Stunde. Ich bleibe dabei, er muss zurückfahren. Gleich beim ersten Imbiss lasse ich ihn halten und siehe da: Eine halbe Stunde später sind wir gestärkt und wieder bester Laune. Es gibt frisch zubereitete, scharfe, heiße Suppe und Tiefkühlpizza. Die Küche hat nur eine Steckdose. Während der Pizzaofen in Betrieb ist, muss der Gefrierschrank pausieren. Unser heutiges Ziel ist das 600-Einwohner-Dorf Chhabariya, das außer einem kleinen Heritage-Hotel mit 12 Zimmern nur aus ärmlichen Häusern, ein paar Tempeln, Staub und Kuhkacke zu bestehen scheint. Im Hotel werden wir wie die Maharadschas mit Trommel begrüßt, die Hausherrin malt uns rote Punkte auf die Stirn, bewirft uns mit Blütenblättern und knüpft uns Bänder an die Handgelenke. All das erscheint uns aufrichtig und authentisch und erinnert kein bisschen an den Zirkus, den sie oft wo für Touristen veranstalten. Wir sind die einzigen Gäste des Hotels, das mit Ausnahme eines Kühlschranks im Zimmer alle Annehmlichkeiten bietet. Der Besitzer macht mit uns einen Spaziergang durch das Dorf und versteht es vorzüglich, aus dem Nichts des Dorfes eine unterhaltsame Tour zu machen. Alle Leute im Dorf grüßen herzlich und im Nu werden wir von einer Schar Kinder begleitet. Die Kids sind unaufdringlich und sauber, die eine oder andere Nisse leuchtet aus dunklen Haaren. An einem winzigen Laden kaufen wir ein Sackerl Zuckerl, die wir verteilen. Die Kinder stellen sich in einer Reihe an und rufen dann im Chor „Thank you Sabine! Thank you Vienna!“ Unsere Gefühle bei der Sache sind zwiespältig. Sabine ist ein Glückspilz, denn in Kuhkacke zu treten, soll hier Glück bringen. Zum Sonnenuntergang nehmen wir einen High Tea auf der Dachterrasse des Hotels ein. Ein neuerliches Getrommle lässt an neue Hotelgäste denken, doch es kommt vom Tempel gegenüber. Und nicht ein Trommler schlägt Pauke und Glocken, sondern eine elektrische Trommelmaschine. Ein Priester und ein paar Gläubige haben sich versammelt, Kinder läuten Glocken und schlagen mit Holzschlägern auf metallene Klangkörper. Der Hausherr bespricht mit uns, was wir zum Abendessen wünschen und lädt uns zum Mitkochen in die extrem saubere Küche ein. Wir kriegen Schürzen und dürfen Chiabati machen, alles andere ist eh schon fertig. Wir dinieren sehr stimmungsvoll bei Kerzenlicht im Freien. Die Nacht ist nicht so ruhig, weil draußen immer wieder Hunde bellen, außerdem nistet ein Meisenpaar in einer Lampe im Zimmer und hinter Bildern und Spiegeln hört man Eidechsen huschen.
