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Himalaya

Donnerstag, 27. November 14, Tag 26/120: Gyantse, 3.977 m

Während wir in China außerhalb von Tibet kaum je einen Polizisten zu sehen bekommen haben, wimmelt es in Tibet nur so von Polizei, nicht nur an den religiösen Zentren, auch auf den Straßen. Hatten wir vor Erreichen Tibets keine einzige Verkehrskontrolle, werden wir hier alle zehn bis 40 Kilometer an Kontrollstellen durch die Verkehrspolizei kontrolliert. Zudem gibt es, wie im restlichen China auch, unzählige Stellen, an denen jedes Fahrzeug mit Blitz fotografiert wird, sowohl in Städten, wie auch außerorts. Unsere Fahrt wird täglich sicher zehn- bis 20 mal registriert. Südlich von Lhasa überqueren wir den Brahmaputra, der in Tibet Tachog Tsangpo heißt und, obwohl Niedrigwasser führend, ein eindrucksvoller Strom ist. Über Serpentinen geht es hinauf zum 4.800 Meter hohen Kampa-Pass (N29.194240 E90.617680), von dem sich ein beeindruckender Blick auf einen herrlich blau schimmernden Arm des vielfach verzweigten Yamdrok-tso bietet; in der Ferne ragt das Lhagoi-Kangri-Gebirge auf. Nach der Abfahrt vom Pass folgen wir dem See auf seiner Nordseite bis Nagartse. Nun überqueren wir den 5.050 Meter hohen Karo-Pass, von dem aus sich steil der 7.190 Meter hohe Noijinkangsang erhebt. Die Straße führt weiter durch karge Tallandschaften nach Gyantse, wo wir verspätet in einem tibetischen Restaurant zu Mittag essen. Li würde lieber chinesisch essen, gegen tibetisch hat er ein offensichtlich ein Vorurteil, denn er hat noch nie tibetisch gegessen. Es schmeckt ihm dann aber doch sehr gut, uns sowieso: Reis mit Kartoffeln, Yakfleisch und etwas Rettich. Dazu gibt es süßen Tee mit Yakmilch. Blickfang von Gyantse ist die Festung, die mitten in der Stadt auf einem Felsen aufragt. Dahinter befindet sich das von einer roten Mauer umgebene Kloster Pelkhor Chöde mit einem begehbaren Riesen-Stupa, dem Gyantse Kumbum. Im Inneren führt eine Treppe in jedem Stockwerk ins Freie auf umlaufende Terrassen, von denen man in unzählige mit Buddhastatuen und reichlich Wandmalereien geschmückte Kapellen blicken kann. Nach Gyantse ist die Gegend fruchtbar und das Klima scheint milder zu sein. Auf 3.800 Metern fressen Schafe und Yaks Stoppeln von abgeernteten Getreidefeldern ab, andere Felder werden soeben eingeackert. In Shigatse (Xigaze, Xigartse), der zweitgrößten Stadt Tibets, muss ich mich beim Tanken mit Reisepass, chinesischer Zulassung und chinesischem Führerschein ausweisen. Es wird genau festgehalten, wer wann wieviel Treibstoff kauft. In Tibet ist auch die Einfuhr von (auch leeren) Treibstoffkanistern verboten. Sie könnten ja "anti-chinese" genutzt werden. Im Hof eines Hotels beziehen wir ein ruhiges und stromversorgtes Quartier. Km 356/7.076/33.359.

 

Freitag, 28. November 14, Tag 27/121: Shigatse, 3.800 m

Im Rahmen einer frühmorgendlichen Stadtrundfahrt sehen wir uns die Festung (N29.277048 E88.875618) an, den offiziellen Sitz des Pantschen Lama. Im nahen Kloster Tashilhunpo müssen wir eine Weile warten, bis uns die Tore geöffnet werden. Die Klosteranlage liegt an einem Berghang, ist von einer Mauer umgeben und so groß wie ein Dorf. Um alles anzusehen, würde man wahrscheinlich einen halben Tag benötigen. Wir beschränken uns auf die wesentlichen Bauten, den Maitreya-Tempel mit einer 27 Meter hohen vergoldeten Buddhastatue und die Tempel mit den goldenen Grabstupas zweier Pantschen Lamas. Sehr stimmungsvoll finden wir einen großen Gebetsraum, in dem etwa hundert zukünftige Mönche eintönig singend beten. Auf der Weiterfahrt gibt es wieder unsinnige Section Control, der wir aber entkommen, da wir vor dem zweiten Kontrollpunkt zum Kloster Sakya abbiegen. Das Kloster ist von einer hohen Verteidigungsmauer umgeben und ähnelt einer Festung. Etwas abseits an einem Berghang befinden sich weitere Tempelbauten und mehrere Stupas. Mit der Überquerung des Gyatso-Passes, 5.256 Meter, schlagen wir unseren bisherigen Höhenrekord um fünf Meter. Manchmal haben wir uns schon gefragt, ob wir den Mount Everest unter den vielen Berggipfeln des Himalaya erkennen würden. Die Antwort erhalten wir auf der Talfahrt: Als wir um eine Kurve biegen, taucht in der Ferne ein Riese von Berg auf und es besteht nicht der geringste Zweifel, dass Er es ist. Morgen wollen wir seinem nördlichen Basislager einen Besuch abstatten. Es gibt zwei Zufahrtswege, einen von Baber (östlich) und einen von Tingri (westlich), die sich ypsilonförmig zu einer gemeinsamen Zufahrt vereinigen. Schon vor einer Woche hab ich mit Li besprochen, dass ich nicht, wie von der Agentur geplant, von Tingri zu- und nach Tingri abfahren möchte (mit zwei Übernachtungen in Tingri), sondern schon in Baber übernachten, von hier zum Basislager und von dort nach Tingri fahren möchte mit Übernachtung dort. Das spart Kilometer und Zeit und es gibt mehr zu sehen. Da kam der Einwand, dass man das Ticket (richtig gelesen, für den Besuch des Basislagers zahlt man Eintrittsgeld, und zwar reichlich) nur in Tingri bekäme. Das wollte ich jedoch überhaupt nicht glauben, da die meisten Besucher wohl wie wir aus Richtung Lhasa kommen und die Fahrt über Tingri ja ein Umweg wäre. In den letzten Tagen hat es unzählige SMS zwischen Li und seinem Chef gegeben, da war von einer langen Baustelle die Rede, aber keiner konnte sagen, auf welcher Straße die nun sei. Aus welchen Gründen auch immer unterstützt Li oder die Agentur unseren Plan nicht. Auch als wir heute Baber erreichen, will Li noch nach Tingri weiter fahren. Ich bestehe aber darauf, dass er sich erkundigt, wo man das Ticket bekommt. Nach einer halben Stunde hat er zwar das Ticketbüro gefunden, er scheint aber direkt erfreut zu sein, dass es geschlossen ist. Weitere Informationen hat er nicht erhalten. Jetzt spreche ich Klartext: Wir übernachten hier in Baber, völlig egal, ob und wann das Ticketbüro aufsperrt. Er quartiert sich in einem billigen Hotel ohne Heizung und Wasser (eingefroren), aber mit Stromanschluss für uns ein. Jetzt nehme ich die Sache selbst in die Hand und binnen fünf Minuten weiß ich von einem Reiseleiter, der mit einer kleinen Gruppe ebenfalls morgen zum Base Camp will, dass das Ticketbüro später am Abend noch öffnet, selbstverständlich die Hinfahrt von Barber und die Rückfahrt nach Tingri erfolgen soll, auf der Hinfahrt reichlich Baustelle ist, allerdings sind die Bauarbeiten für heuer eingestellt und die Straße ist behelfsmäßig befahrbar. Eine Stunde später kommt der Reiseleiter zu mir, um mir zu erklären, dass das Ticketbüro heute doch nicht mehr öffnet, dass man aber am Checkpoint auch das Ticket bekommt, dort oft billiger, weil die mit sich handeln lassen. Jubel! Wir übernachten also in Baber auf 4.316 Metern! Km 287/7.364/33.646.

Samstag, 29. November 14, Tag 28/122: Mount Everest Basislager, 5.150 m

Die Nacht ist eisig, trotz Heizstrahler friert uns die Wasserpumpe wieder ein. Li steigt ins Auto und glaubt echt, wir fahren via Tingri zum Basislager. Ich kläre ihn auf, dass wir die Tickets am Checkpoint kaufen und er schreibt gleich wieder SMS. Außerhalb von Baber messen wir -15,5 Grad. Es herrscht aber eine Inversionswetterlage, mit zunehmender Höhe wird es wärmer. Es läuft alles wie geplant: Wir kaufen die Tickets am Checkpoint, trotz Ermäßigung eine ziemlich kostspielige Angelegenheit (400 Yuan = 52 Euro fürs Auto und 90 Yuan = 12 Euro statt 180 Yuan = 24 Euro pro Person). Die Straße ist nicht asphaltiert, aber in sehr gutem Zustand, sie führt in vielen Serpentinen auf einen 5.201 Meter hohen Pass, von dem sich ein unglaublicher Ausblick auf den Mt. Everest und weitere Achttausender bietet. Als Susi und ich nach dem Fotostopp wieder ins Auto steigen, sehen wir, wie Li die Tickets mit seinem Handy fotografiert. Er muss das Foto seinem Chef schicken, der will anscheinend noch immer nicht glauben, dass wir im Besitz gültiger Tickets sind. Wieder in vielen Kehren geht es bergab und nun führt die Straße durch ein weites Tal, passiert gelegentlich ein Dorf und man könnte zügig fahren, wären da nicht alle paar hundert Meter Speedbreaker. Kurz sehen wir uns das angeblich höchst gelegene Kloster der Welt an: Rongphu (N28.195053 E86.828025). Es ist nicht besonders spektakulär, beherbergt aber in seinem hintersten Gebetsraum einen überraschend großen Buddha. Nach ein paar Kilometern erreichen wir das Mount Everest Base Camp Post Office, oder besser gesagt, die Stelle, wo es sein sollte (N28.169242 E86.840907). Es wurde wohl, zusammen mit Geschäften und Restaurants in Containern, über den Winter entfernt. Es möge also bitte keiner auf eine Ansichtskarte warten. Bald darauf erreichen wir das Basislager. Außer zwei gemauerten Toilettenhäuschen ist hier aber nichts. Wir dachten doch, dass noch einige Trekker hier campieren, doch nein, kein einziges Zelt, kein Mensch, einfach nichts, gähnende Leere vor dem Großen Berg, der hier schon sehr imposant aufragt. Man sieht lediglich, wie Steine beiseite geräumt wurden, um Platz für Zelte zu schaffen. Es sieht aus, wie parzelliert. Wir fahren noch ein Stück weiter, bis der Weg, eigentlich mehr eine Spur, in einer Geröllhalde endet. Von diesem Platz sieht man den Everest nicht, doch man ahnt, dass man einen tollen Blick hätte, würde man ein kleines Bergerl vor uns besteigen. Ich ziehe mir eine Jacke an - eine reicht, es hat 10 Grad plus - und besteige in ultralangsamen Schritten dieses Bergerl, immerhin mein erster Fünftausender! Und richtig, von hier ist der Blick echt grandios! Wir müssen uns auf den Rückweg machen, für den wir bestimmt, wie für den Hinweg an die vier Stunden benötigen werden. Ab dem Abzweig nach Tingri ist die Piste echt übel, hat viel Wellblech und erfordert ziemlich Geduld und Nerven! Und über diesen Weg wollte uns die Agentur hin und zurück schicken! Ziemlich geschafft erreichen wir Tingri (4.340 m). Nach ein paar Fehlversuchen hat Li ein "Hotel" gefunden, eine ziemlich einfache Absteige. Für 80 Yuan 10 Euro dürfen wir uns an die Steckdose hängen. Das ist unverschämt, in den meisten Hotels mussten wir nichts bezahlen, da Li ja ein Zimmer gemietet hat. Ich biete 30 Yuan = 4 Euro, was eigentlich viel zu viel ist, der Hotelbesitzer bleibt bei 80. Li sagt mir auf meine Frage, dass sein Zimmer ebenfalls 80 Yuan kostet. Als ich das höre, gebe ich mich wütend, brülle den "Hotelier" an und werfe ihm sein Verlängerunskabel vor die Füße. Auf einmal akzeptiert er die 30 Yuan, doch die bin ich nicht mehr bereit zu zahlen, seit ich weiß, wieviel ein Zimmer kostet. Und auf einmal sind 20 Yuan = 2,60 auch recht. Allerdings ist in diesem Preis die Benützung des hoteleigenen Verlängerunskabel nicht inbegriffen, ich muss unser eigenes verwenden. Km 195/7.559/33.841.

Sonntag, 30. November 14, Tag 29/123: Zhangmu, 2.300 m 

Zahlreiche halb- und dreiviertel verfallene alte Festungen säumen unseren Weg, bis er zu den beiden La Lunga-Pässen mit 5.050 und 5.188 Metern Seehöhe ansteigt. Von den Pässen bietet sich ein gewaltiger Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel des Phurbichyachu Himal und des Rolwaling Himal. Zwischen diesen beiden Gebirgen hat der Himalaya quasi einen Spalt: das Botekoshi Valley, in dem auch die Straße der Freundschaft nach Nepal verläuft. Es ist ein schmales Tal, in dessen Wände man hoch über dem Fluss die Straße in den Fels geschlagen hat. Es geht von über 5.000 Metern stetig bergab bis zum Grenzort Zhangmu auf 2.300 Metern. Stetig wird es wärmer: Hatten wir in der Früh in Tingri -15 und auf den Pässen -3, so hat es in Zhangmu 11 Grad. Es wird auch feuchter, sichtbar am Dunst und als Schwüle spürbar. Ja und es wachsen auf den steilsten Berghängen Bäume - schon lange nicht mehr gesehen. Die Straße führt in Serpentinen durch den auf dem Steilhang des Tales gelegenen Ort Zhangmu. Es gibt praktisch kein ebenes Plätzchen, das sich als Nachtplatz anbietet. Wir fahren auf den LKW-Parkplatz oberhalb des Ortes, wo wir gegen Gebühr parken können. Ein Probelauf unserer Heizung zeigt, dass sie auch in "normaler" Höhe nicht funktioniert. Ich werde sie wohl wieder auseinandernehmen und reinigen müssen. Dazu wäre reichlich Zeit, doch das kann ich nicht inmitten der vielen neugierigen LKW-Fahrer machen, die sich um unser Auto versammelt haben. Wir machen stattdessen einen Spaziergang durch den Ort hinunter, eine fast lebensgefährliche Unternehmung, denn die LKW brausen rücksichtslos durch die engen Gassen, hinauf nehmen wir ein Taxi. Km 186/7.745/34.027.

Montag, 1. Dezember 14, Tag 30/124: nach Nepal

Die Tankstelle in Zhangmu wird gerade umgebaut und es gibt keinen Diesel an der Zapfsäule. Wir haben aber gestern schon in Erfahrung gebracht, dass man Diesel direkt aus einem neben der Tankstelle abgestellten Tankwagen verkauft. Wir nehmen gerade neben diesem Tankwagen Aufstellung, als Li von seinem Hotel daherkommt, irgendwas mit einem Tankwart quatscht und uns dann sagt, dass es hier keinen Diesel gibt, wir müssten zu einer anderen Tankstelle an der oberen Ortseinfahrt. Wir fahren also dorthin, aber  da gibt es keine Tankstelle. Also wieder hinunter in den Ort und jetzt kriegen wir doch Diesel aus dem Tankwagen. Mühsam! Da uns noch fast 200 Yuan übrig geblieben sind, gehe ich noch in die Bank zum Wechseln. Die geben aber keine nepalesischen Rupien her, sondern nur US-Dollar. Außerdem ist der Geldwechsel ein hochbürokratischer Akt mit Kopieren meines Reisepasses, allerlei Stempeln und Unterschrift des Chefs. Aufgrund dieser unvorhergesehenen Verzögerungen treffen wir unseren Zollagenten mit einer halben Stunde Verspätung. Das macht aber rein gar nichts, denn im Quarantänebüro haben sie keinen Strom und es kann bis zum Nachmittag dauern, bis wir von dort die benötigte Bestätigung bekommen. Über unzählige Serpentinen fahren wir, vorbei an hunderten wartenden LkW, bis zum eigentlichen Grenzübergang, der 600 (!) Meter tiefer direkt an der Brücke der Freundschaft über den Botekoshi liegt. Hier heißt es warten. Da Lastwagen beider Länder nicht ins jeweils andere Land fahren, werden Waren in Zhangmu abgeladen, in Häusern (auch Wohnhäusern) gelagert und später auf LKW des jeweils anderen Landes aufgeladen. Daher stehen im gesamten Grenzort den Verkehr blockierende Lastwagen. Zudem kommen viele Nepalesen zum Einkaufen nach Zhangmu und bringen, was sie nur tragen können hinüber nach Nepal. Endlich ist die Bestätigung des Quarantänebüros da und wir können ausreisen. Wir verabschieden uns von Li, der nun per Auto nach Lhasa und von da mit dem Flugzeug nach Hause reist. Nach drei Stunden Grenzaufenthalt fahren wir mit erlaubten 6 km/h über die Brücke ... 

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